Goethe besucht das Taj Mahal

Goethe am Taj Mahal

Weiter durch den Norden Indiens, die Millionenstadt Agra kennen Wenige, aber alle kennen das Taj Mahal. Es ist eines der sieben Weltwunder. Auch unser Reisegoethe hat es auf seiner Liste der tausend Dinge, die man sehen muss, bevor man stirbt.

Großmogul Shah Jahan ließ das Taj Mahal für seine Lieblingsfrau Mumtaz als Grabmoschee errichten. Die Legende sagt: Nach dem Bau wurden allen Handwerkern eine Hand abgehackt. Der Architekt sei hingerichtet worden. Niemand sollte diesen Bau nachahmen oder kopieren können. Copyright-Schutz auf großmogulisch.
Der Indien-Reiseführer kitscht sich einen zurecht: „Das Taj Mahal ist das Symbol einer großen Liebe und ein architektonisches Meisterwerk gebauter Leichtigkeit und Harmonie. Eine Welt aus weißem Marmor und Edelsteinintarsien erwartet uns“. Goethe verleiert die Augen.

Die Einlassprozedur holt uns in die indische Realität zurück.

Anstehen erwünscht - Feilschen und Ärgern zwecklos: Inder zahlen 15 Rupien, ich zahle 500. Hellhäutige Ausländer sind nun einmal von Geburt an reich. Die in Indien lebenden Engländer nennen es „white tax“, ich habe den Begriff „Pigmentmangelsteuer“ erfunden. Patent is pending. Aber wer dreht schon vor dem Tor um und symbolisiert nicht seine große Liebe mit großen Scheinen.

Wir sind ein Spielfeld weiter und landen auf dem Aktionsfeld Sicherheitskontrolle. Alle Taschen müssen abgegeben werden - Kameras auch, wenn diese filmen können. Sie bleiben zurück in einem DDR-Reichsbahndepot. Ein dunkler Raum mit vorhängeschlossbewährten Stahlspinden schützt nun meinen Besitz und die zu marmorgewordene Leichtigkeit des Taj vor Filmaufnahmen. Hölzerne-Figuren-deutscher-Dichter-in-der-Hosentasche-haben ist suspekt, aber heute habe ich Glück im Spiel. Als nächstes tastet ein riesiger Schnauzbart mit Uniformmütze an meiner Körpersilhouette herum. Mangels versteckter Waffen gehen wir mit gebauter Leichtigkeit über "Los" und durchs erste Marmortor.

Langsam verstehen wir, warum der Architekt hingerichtet wurde. Nirgendwo Schatten und eine 500-Meter-multikulti-Warteschlange steht sich zur Plattform des Mausoleums die Füße platt. Dort müssen bereits die Schuhe ausgezogen werden, um den wertvollen Lieblingsfrauenmarmor zu schonen. So hat man nach kurzer Zeit Brandblasen an den Füßen. Auch die Sonne symbolisiert ihre Liebe zum Marmorweltwunder heute wiedermal sengend.
Nur für Staatsgäste gibt es ungehinderten Zugang ins Heiligtum. Doch den deutschen Lyrik-Superstar DJ Goethzi kennt hier niemand.

Ich stelle mich nicht an. Beleidigt grummelt mein Begleiter: "Mit Ihnen zu reisen ist wie ohne Lippen küssen – „Se reisen nach Italien und gehen nicht zum Kolloseum, verschmähen den Vesuvius und essen nur rohes Gemüse". Das Taj Mahal ohne "ganz nah dran gewesen zu sein, sei unerhört".
Dann lächelt Johann aber milde, sieht's mir nach, denn auch ihm macht die indische Hitze von 40 Grad zu schaffen.

Von meinem letzten Besuch am Taj Mahal weiß ich, verpassen, werde ich auf der Plattform eh nichts. Doch, stimmt nicht, die Blumen-Marmor-Intarsien sind toll. Und wenn man gut im Drängeln ist, dann hat man auch im Grabraum der Frau Mumtaz, der wie ein Marmorbrunnen aussieht, zehn Minuten Schatten. Danach spuckt einem die Meute wieder in die Glutsonne.

Randbemerkung für interessierte Indienbesucher:

Hier ist die Weltversammlung der grabbelnden und grapschenden Curry-Reis-Casanovas. Gefahr besteht bevorzugt für Frauen - mehr noch für blonde Frauen. „One Photo, please“ – ein kurzes Zögern deinerseits und schon gibt es zu spüren, dass in Indien Intimsphäre ein unterschätztes Konzept ist. Ihr teurer Reiseführer wird Ihnen immer verschweigen, dass man am Taj Mahal selbst die Attraktion ist.

Also schnell noch ein paar Fotos mit dem wieder lächelnden Goethe. Ich versuche im Schweiße des Fotografenantlitzes etwas der Weltwundersamenliebessymbolik in die Linse zu bekommen. Und dann weg in schattigere Gefilde.

Gruss und Kuss,

Wolfgang und sein digitaler Eckermann



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